Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Neues aus der Forschung, Fachartikel und sonstige Publikationen in den Medien.
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DonQuixote
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Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon DonQuixote » 19. Mai 2016, 22:07

Seid gegrüßt

Lange war es hier im Forum und in dieser Angelegenheit (aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen) ziemlich still. Aber die Stille trügt. In unserem Baclofen-Wiki wird nämlich praktisch Alles, und dies quasi tagesaktuell, zusammengetragen, was es in diesem Bereich gibt. Hier nun eine Zusammenstellung der Aktualisierungen aus den letzten ca. 12 Monaten (absteigende Reihenfolge, d.h. neueste zuerst):

  1. Alkoholbedingte Leberschädigung: Ein umfassendes Review (European Medical Journal, 2016)

  2. Sicherheit und Verträglichkeit der pharmakologischen Behandlung von Alkoholabhängigkeit: Ein umfassendes Review mit Belegen (Drug Safety, 2016)

  3. Berichte über die Sicherheit der Off-Label-Anwendung von Baclofen bei Alkoholabhängigkeit. Empfehlungen für eine bessere Einschätzung von Fall zu Fall (Taylor & Francis Online, 2016)

  4. Charakteristika französischer alkoholabhängiger Patienten, welche eine Baclofen-Therapie nachsuchen. Eine vergleichende, duo-zentrische Kohorten-Studie (Alcohol and Alcoholism, 2016)

  5. Pharmakologie und Anwendung von Baclofen bei alkoholabhängigen Patienten. Ein Update für klinische Mediziner (Le Pharmacien Hospitalier et Clinicien, 2016)

  6. Fachübergreifende Sicht auf Alkoholabhängigkeit: Von der psychischen Erkrankung zur schweren Leberschädigung (Biomolecules, 2016)

  7. Pharmakotherapie bei Alkoholabhängigkeit: 2015 Empfehlungen der Société Française d’Alcoologie, herausgegeben in Zusammenarbeit mit der European Federation of Addiction Societies (CNS Neuroscience & Therapeutics, 2016)

  8. Behandlungsalternativen bei substanzgebundenen Abhängigkeitserkrankungen mit dem Fokus auf Alkohol, Opiaten und Kokain (Progress in Neuro-Psychopharmacology & Biological Psychiatry, 2015)

  9. Eine doppelblinde, placebo-kontrollierte, randomisierte klinische Pilotstudie mit Baclofen (Baclosan®) bei Alkoholabhängigkeit (Zh Nevrol Psikhiatr Im S S Korsakova [Russland], 2015)

  10. Den Erfolg beeinflussende Faktoren bei der Behandlung der Alkoholabhängigkeit mit Baclofen (Indian Journal of Psychological Medicine, 2015)

  11. Der Anti-Craving-Effekt von Baclofen bei alkoholabhängigen Patienten (Alcoholism: Clinical and Experimental Research, 2015)

  12. GABA-B-Agonisten für die Behandlung von Alkoholmissbrauch (Current Pharmaceutical Design, 2015)

  13. Baclofen und die Behandlung der Alkoholabhängigkeit: Zusammenhang zwischen Alkohol- und Baclofen-Dosis und dem Auftreten schwerer Sedierung (European Neuropsychopharmacology, 2015)

  14. Verträglichkeit von hoch dosiertem Baclofen bei der Behandlung der Alkoholabhängigkeit: Eine retrospektive Studie (Alcohol and Alcoholism, 2015)

  15. Baclofen als Ergänzung der psychosozialen Standardtherapie bei Alkoholabhängigkeit: Eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit Folgeuntersuchung nach einem Jahr (The Journal of Substance Abuse Treatment, 2015)

  16. Baclofen in der richtigen Dosierung bei Patienten mit Leberschädigung. Eine Fall-Serie mit zweijähriger klinischer Begleitung (Addiction Research & Theory, 2015)

  17. Beobachtende Studie über 1 Jahr mit 100 Patienten (International Liver Congress, 2015)

  18. Die Einstellung von Gemeinde-Apothekern zur Off-Label-Verschreibung von Baclofen in Nordfrankreich (International Journal of Clinical Pharmacy, 2015)

  19. Der GABA-B-Rezeptor als therapeutisches Ziel bei Abhängigkeitserkrankungen: Von Baclofen zu positiven allosterischen Modulatoren (Psychiatria Polska, 2015)
Soderle, das dürfte die nahezu vollständige Liste der vergangenen ca. 12 Monate sein. Zukünftig werden Aktualisierungen des Baclofen-Wiki auch hier im Forum in diesem Thread erscheinen.

Für das Wiki und das Forum: DonQuixote & Papfl

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon Papfl » 31. Mai 2016, 10:45

Hallo zusammen!

Ein in Kürze in der französischen Fachzeitschrift „La Presse Médicale“ erscheinender Artikel mit dem Titel

La saga du baclofène et le changement de paradigme de la prise en charge de l’addiction à l’alcool
("Die Baclofen-Saga und der Paradigmenwechsel bei der Behandlung von Alkoholabhängigkeit")

gibt einen Überblick über den langen und mühesamen Weg, den Baclofen seit den 1990er Jahren, als es zur Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen (wieder)entdeckt wurde, bis heute zurück gelegt hat. Von Behörden, Industrie, Ärzten und Therapeuten lange Zeit größtenteils verschmäht, sprechen die Autoren heute von einem Paradigmenwechsel in der Suchtbehandlung, zu dem das Medikament einen großen Teil beigetragen habe.

Darüber hinaus wird die biochemische Wirkungsweise von Baclofen mit Blick auf Abhängigkeitserkrankungen erklärt, ein Überblick über die klinischen Studien von der Jahrtausendwende bis heute gegeben, und es werden mögliche weitere Anwendungsfelder aufgezeigt.

Natürlich wurde der Artikel auch ins Baclofen.wiki aufgenommen.

Leider ist er in französischer Sprache verfasst. Leider deswegen, weil das nach wie vor eine Hürde für die Verbreitung in der medizinischen Fachwelt darstellt. International wird fast ausschließlich englisch gelesen.

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon Papfl » 31. Mai 2016, 11:43

Hallo nochmal!

Da ich gerade dabei bin, "schieße" ich gleich noch eine Neuveröffentlichung hinterher [smile] :

Treatment of alcohol use disorder patients affected by liver cirrhosis and/or hepatocellular carcinoma awaiting liver transplantation (Minerva Medica, 2016)
("Die Behandlung von alkoholabhängigen Patienten mit Leberzirrhose und/oder Leberzellkarzinom in der Wartephase auf eine Lebertransplantation")

Für Patienten, die unter fortgeschrittenen Leberschäden leiden, ist eine Lebertransplantation oftmals die letzte Chance. Leider dauert die Wartezeit auf ein Spenderorgan mitunter sehr lange. Die gängigen Medikamente zur für diesen Patientenkreis so wichtigen Aufrechterhaltung der Abstinenz bis zur Operation kommen allerdings meist nicht in Frage, weil sie ihrerseits die Leber zusätzlich belasten würden. In diesem Artikel wird die alternative Behandlung mit Baclofen und Metadoxin für den besagten Zeitraum dokumentiert. Gleichzeitig wird die Bedeutung von paralleler psychosozialer Begleitung (Therapie, Selbsthilfegruppe) vor und auch nach der Transplantation unterstrichen.

Auch dieser Artikel ist im Baclofen.wiki zu finden.

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon APunkt » 31. Mai 2016, 14:30

Hallo!

Stand der Dinge ist leider immer noch, dass Lebertransplants für Abhängige als Perlen vor die Säu gesehen werden.
Dabei gibt es, jede ethische Fragestellung außen vor, längst Meinungen, die pro Transplant auch für Abhängige sind, Auslöser war diese Studie
Leider steht da unsere auf abhängige Patienten angewandte medizinische selbst-Schuld-Praxis einer rationalen Betrachtung noch entgegen.
Papfl hat geschrieben:Leider ist er in französischer Sprache verfasst. Leider deswegen, weil das nach wie vor eine Hürde für die Verbreitung in der medizinischen Fachwelt darstellt. International wird fast ausschließlich englisch gelesen.

Ja, das ist typisch.
Und dann rummaulen, weil niemand sie zitiert.
Es gibt eine Vielzahl ausgezeichneter Wissenschaftler in F, aber die publizieren tatsächlich vorwiegend in Muttersprache.
Schade um die viele Arbeit.

Viele Grüße
A.
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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon DonQuixote » 31. Mai 2016, 19:30

Hi Papfl

Danke fürs Einstellen im Wiki und im Forum [good] .

Noch etwas zum neuen Eintrag „Bacofen-Saga“. Das ist eine tolle neue und eigenständige Arbeit der Autoren Kevin Journiac, Flora Pascuttini, Didier Touzeau und ist nicht identisch mit der „Baclofen-Saga“ von Bernhard Granger.

Und während Grangers „Baclofen-Saga“ in Buchform erschienen ist, handelt es sich bei der neuen Arbeit nun um einen veritablen Fachartikel in „La Presse Médicale“ und wird dort hoffentlich fleißig und aufmerksam von ärztlichem Fachpersonal gelesen. Und Ja, leider gibt es den Fachartikel nur auf Französisch.

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon DonQuixote » 31. Mai 2016, 21:59

Seid gegrüßt

Und wieder ein Fachartikel, der zu einem positiven Fazit kommt:

Der Artikel beruht auf der Einzelfall-Betrachtung (single case report) eines Schwerabhängigen und wird ergänzt durch die Literaturrecherche ähnlich gelagerter Fälle. Die maximale Dosis im beschriebenen Fall betrug 150 mg / Tag. Den Neueintrag findet Ihr auch im Wiki.

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon DonQuixote » 2. Juni 2016, 18:31

Seid gegrüßt

Am 24. Mai gab es jetzt auch Ergebnisse einer doppelblinden und gegen Placebo kontrollierten Studie, über die wir bereits vor vier Jahren berichteten:

Wie befürchtet, konnte bei der zu geringen Dosierung von 30 mg / Tag keine Überlegenheit von Baclofen im Vergleich zu Placebo festgestellt werden. Eine Studie, die schon in der Anlage scheitern musste und leider wieder viel Wasser auf die Mühlen der Baclofen-Skeptiker leitet.

Contre-coeur gibt es dazu jetzt auch einen Eintrag im Wiki, wenngleich es sich nicht um einen eigentlichen „Fachartikel“, sondern lediglich um einen „Kongress-Report“ handelt. Aber da wollen wir mal nicht so streng sein, die Fakten bei dieser Ausgangslage sprechen ja eh für sich:

DonQuixote hat geschrieben:Dann wäre die Studie jetzt nicht grad „idiotisch“, aber der Erkenntnisgewinn auch nicht grad riesig.
(von hier …)

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon DonQuixote » 2. Juni 2016, 21:05

Seid gegrüßt

Und noch einen habe ich für heute, erschienen ist nämlich am 20.Mai im Fachblatt „L’Encéphales“:

Aus zahlreichen Patienten- und Arztberichten wissen wir bereits, dass dem so ist. Die Autoren des oben genannten Fachartikels sind jedoch vorsichtiger und lassen das Fragezeichen hinter dem Titel ihres Fachartikels erst mal so stehen. Sie nennen zwar zahlreiche Indizien, welche antidepressive Eigenschaft von Baclofen nahelegen, können aber nicht mit eigenen Resultaten aufwarten und raten vielmehr zu weitergehenden Studien in dieser Richtung.

Na dann macht mal good .

Rät DonQuixote

P.S. Den Eintrag gibt es auch im Wiki.

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon Papfl » 2. Juni 2016, 22:05

Hi DonQ!
Vielen Dank für die vielen neuen Impulse von heute [good] .

Vielleicht eine kleine Anmerkung zu Deinem letzten Posting (nur um Missverständnissen vorzubeugen):

Es handelt sich bei dem Text "Does baclofen have antidepressant qualities?" nicht um einen Fachartikel, sondern vielmehr um einen zweiseitigen Kommentar, der sich wohl auf einen tatsächlichen Fachartikel (Fall-Report zum Thema Baclofen und manische Symptome) der Drs Rivollier and Masson bezieht, welcher in derselben Ausgabe von "L’Encéphale" erscheinen soll. Publiziert wurde der Kommentar am 20. Mai vorerst nur online. Gedruckt findet man ihn noch nicht ("Article in Press").

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon Papfl » 16. Juli 2016, 12:21

Hallo zusammen!

Unter der Überschrift "Which medications are suitable for agonist drug maintenance?" ("Welche Medikamente eignen sich als Suchtmittel-Agonisten?") veröffentlichten Darke & Farrell (2016) in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift "Addiction" einen Text, indem sie die Frage erörtern, inwiefern und wann es sinnvoll ist, Suchtmittelabhängigkeit mit geeigneten Agonisten medikamentös zu behandeln.

Sie kommen zu dem Schluss, dass Alkoholabhängigkeit eine Erkrankung sei, für die eine Behandlung mittels Agonisten nicht in Frage komme. Baclofen (ein GABA-B-Agonist) wird zwar erwähnt, die Behandlung mit dem Medikament aber nicht für sinnvoll erachtet.

Hauptargument ist dabei die Tatsache, dass es keinen „speziellen“ Alkohol-Rezeptor gebe, an dem ein entsprechender Agonist „andocken“ könne und somit die einzige Behandlungsmöglichkeit der Alkoholabhängigkeit eine kontrollierte Verabreichung von Alkohol selbst wäre, was medizinisch gesehen nicht in Frage komme.

Darke & Farrell hat geschrieben:Finally, we must address alcohol. A number of pharmacotherapies exist for alcohol withdrawal and relapse prevention, including the opioid antagonist naltrexone, glutamatergic medications such as acamprosate and the GABAB agonist baclofen [12,22]. To date, however, there is no known direct alcohol agonist, possibly reflecting the fact that there is no alcohol receptor [2,3,23] [Table 2]. In terms of maintenance, the only realistic choice would be the provision of alcohol itself, in controlled doses. Such a regimen would, however, lack pharmacological stability, as alcohol is rapidly metabolized and excreted [3], meaning maintenance drinking would have to continue throughout the day. While ethanol exhibits a dose–response curve [3], it is highly toxic. Alcohol in high concentrations induces acute respiratory depression, with marked impairment seen at concentrations of 0.15 g/100 ml, and concentrations of >40 g/100ml lethal in more than half of cases [3]. Moreover, chronic dependent use has numerous physiological consequences, including chronic liver, cardiovascular and pancreatic disease and neural atrophy [3,69–73].

There are also the acute and chronic negative psychiatric and cognitive effects of dependent use to consider. Acute
intoxication is related to disinhibition and increased risk of violence [2,23,74,75], while neuroadaptation affects systems mediating negative emotional states [2,23]. Acute intoxication results in cognitive clouding [2], while heavy, dependent use is associated with damage to the hippocampus, frontal lobes and cerebellum [3,12]. There are no data on alcohol maintenance to formally judge craving and salience but, given the metabolism of alcohol, the need for recurrent dosing and the severe withdrawal syndrome [12], craving and salience are likely to remain high.

In answer to our clinical question, currently there is no agonist to prescribe. Theoretically, could a practitioner responsibly prescribe alcohol maintenance to a highly dependent alcoholic? The answer appears to be an unequivocal
‘no’. Were a new drug to appear that met maintenance criteria, however, it would have a dramatic impact on the
management of this serious condition.

siehe auch Baclofen-Wiki

Marc Walter & Michael Soyka widersprechen dieser Argumentation in derselben Ausgabe der Zeitschrift Addiction ein Stück weit:

Walter & Soyka hat geschrieben:Similar considerations apply to alcohol substitution. We wonder about the negative prospects in this area anticipated by Darke & Farrell [1]. Clearly, there is no direct alcohol agonist, probably because there is no single alcohol receptor and alcohol has a complex molecular mechanism of action, basically via different low-affinity biding sites. Interestingly, baclofen, which is viewed by some as a partial substitution for alcohol use disorder, acts as a gamma-aminobutyric acid class B (GABA-B) receptor agonist. Some studies gave only mixed results compared to placebo [9]. Recently, however, baclofen has shown longer abstinence duration in a randomized controlled trial [10].

The drug has already been introduced into clinical practice in France and can very well be viewed as a partial agonist for the effects of alcohol. To conclude, the agonist maintenance treatment may not be suitable for all drugs of abuse. A favourable agonist maintenance treatment requires 'good' pharmacological potential, as well as suitable clinical and neurocognitive characteristics. Effective pharmacological agents should be combined with effective psychosocial and psychotherapeutic treatment options in order to improve the therapeutic outcome of our patients. In most cases, improvement means 'good' quality of life, 'good' psychosocial functioning and a reduction in substance use.

siehe ebenfalls im Baclofen-Wiki

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon DoctorBAC » 16. Juli 2016, 14:05

Natürlich haben die Autoren insoweit Recht, dass es keinen spezifischen "Alkoholrezeptor" gibt. Es gibt aber sehr wohl ein Rezeptorensystem, das für das Phäomen "Sucht" verantwortlich scheint. In den entscheidenden Hirnregionen gibt es eine gemeinsame neurophysiologische "Endstrecke", in der GABA eine entscheidende Rolle spielt.
Immerhin supprimiert Baclofen im Tiermodell die Selbstadministration praktisch alle Drogen - Alkohol, Amphetamin, Cocain, Opioide, Nikotin - und scheint beim Menschen auch bei "nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten" wirksam zu sein. Jaury forscht zB aktuell an Baclofen bei "Binge Eating", bereits Ameisen beschrieb einen Effekt auf sein impulsives Kaufverhalten.
Ich selbst behandle auch Amfetamin- und Cocainabhängige erfolgreich mit Baclofen, ob mit oder ohne begleitende Alkoholstörung - ES WIRKT
Baclofen unterscheidet sich von anderen GABA-Agonisten wie BZD, Z-Drugs oder Natriumoxybat(GHB) dadurch, dass es selektiv an der GABA-B1-Untereinheit bindet, die NICHT G-Protein-gekoppelt ist und an der deshalb KEINE TOLERANZ entsteht.
Am 3. September wissen wir endlich mehr! ISBRA-ESBRA-Kongress in Berlin, TU, 16:15 präsentieren Jaury & Co die Ergebnisse von BACLOVILLE, ALPADIR, ergänzende Infos zu BACLAD sowie die niederländische Hochdosisstudie.

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon DonQuixote » 7. August 2016, 00:04

Seid gegrüßt

Nicht ganz neu, d.h. von Juni 2015, ist diese Doktorarbeit (Thèse pour le diplôme d'état de docteur en médecine):

Hier ein Screenshot des Französischen Abstracts:

Bild

Und hier meine Übersetzung:

DonQuixotes Übersetzung des Französischen Abstracts hat geschrieben:
ZUSAMMENFASSUNG:

Kontext: Alkoholabhängigkeit ist eine schwere und häufige Erkrankung, welche hauptsächlich durch das sog. Craving charakterisiert ist und was dann zu einem Kontrollverlust des Suchtmittelkonsums führt. Die Erfolge der bisherigen medikamentösen Behandlungen mit dem Ziel der Abstinenz sind bescheiden. Baclofen, ein Medikament, welches ursprünglich zur Behandlung von Spastik (Muskelverspannung) eingesetzt wurde, hat in letzter Zeit viel Zuspruch bei der Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen erhalten. Diverse diesbezügliche Studien wurden bereits veröffentlicht, wobei der jeweilige Beobachtungszeitraum allerding nicht über zwei Jahre hinausging.

Zweck der Studie: Beobachtung des Einflusses von Baclofen auf den Alkoholkonsum und auf die Lebensqualität bei Patienten des Suchtmedizinischen Zentrums des Hôpitaux Civils de Colmar.

Methode: Es handelt sich um eine beobachtende Studie mit 50 alkoholabhängigen Patientenn, welche mit ihrer Baclofen-Therapie in den Jahren 2009 -2010 begonnen haben. Die Erfassung der Daten erfolgte mit einem Fragebogen „hétero-administré“. [Zwischenbemerkung DonQ: Ich weiß nicht, was ein `Fragebogen „hétero-administré“` ist. Vielleicht kann da ja jemand helfen].

Wichtigste Resultate: 68 % der Patienten profitierten von der Behandlung, d.h. es ergab sich Abstinenz bei 36 %, unbedenklicher Konsum nach WHO bei 22 % und Verringerung des Konsums um mindestens 50 % bei 10 % der Patienten. Eine Reduktion des Cravings verspürten 52 % aller Teilnehmer. 60 % der Patienten berichteten von Nebenwirkungen (Unerwünschte Arzneimittelwirkungen UAW) zu Beginn der Behandlung, welche sich aber im Laufe der Zeit abmilderten oder ganz verschwanden.

Was die Lebensqualität betrifft, verspürten über 70 % der Patienten bei 10 von 27 Kriterien eine Verbesserung. Von den Patienten, welche von der Baclofen-Therapie profitierten, konnten 29,5 % die Einnahme von Baclofen absetzen, ohne einen Rückfall zu erleiden.

Schlussfolgerung: Baclofen eröffnet bei der Behandlung der Alkoholabhängigkeit neue Perspektiven, insbesondere für einige Patienten, welche moderaten Alkoholkonsum oder generell die Kontrolle über den Alkoholkonsum anstreben. Baclofen führt dazu, die ständigen und obsessiven Gedanken an das Suchtmittel Alkohol zu durchbrechen und scheint zu einem besseren Verständnis des Patienten von sich selbst und dessen Verbesserung der Lebensqualität zu verhelfen.

Da gibt es jetzt also erstmals eine Studie, oder besser gesagt „nur“ eine Doktorarbeit, mit einem Beobachtungszeitraum von sage und schreibe fünf Jahren(!). Macht das Sinn?

Wir erinnern uns: Die längsten Beobachtungszeiträume der bisher publizierten beobachtenden Studien betrugen zwei Jahre respektive zwölf Monate. Bei den „richtigen“ klinischen Studien (randomisiert, Placebo kontrolliert, „RCT“) sind die Beobachtungszeiträume in der Regel sehr viel kürzer. Eine Ausnahme ist vielleicht Bacloville (zwölf Monate), bei anderen RCTs geht das dann aber nicht über drei Monate hinaus, so wie z.B. bei ALPADIR oder bei vielen anderen auch.

Sind denn Ergebnisse von Beobachtungszeiträumen von fünf Jahren überhaupt wünschenswert? Ja, klar, auch Wetterprognosen für die nächsten fünf Jahre sind wünschenswert. Und wenn jemand eine verlässliche Prognose hat, wie das Wechselverhältnis vom US-Dollar zum Euro im August 2021 aussehen wird, dann immer her damit.

Nee, Spaß beiseite, es geht ja bei der oben genannten Arbeit um eine Nachbetrachtung. Aber auch bei solchen Nachbetrachtungen, vor allem wenn sie sich über einen Zeitraum von fünf Jahren erstrecken, gibt es eine schier unendliche Menge an Faktoren, welche es zu berücksichtigen und zu relativieren gibt. Leider konnte ich bisher nicht mehr als den oben abgebildeten Abstract erhaschen, d.h. den Volltext noch nicht finden. Aber selbst wenn: Eine Nachbetrachtung über fünf Jahre mit „lediglich“ 50 Patienten und ohne veröffentlichte Rohdaten oder wenigstens einen Volltext wird in der „Science Community“ kaum zur Kenntnis genommen. Schauen wir da lieber auf den ISBRA ESBRA World Congress on Alcohol an Alcoholism vom 2. bis 5. September 2016 in Berlin.

DonQuixote

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon APunkt » 7. August 2016, 07:31

Guten Morgen DonQuixote!

DonQuixote hat geschrieben:Eine Nachbetrachtung über fünf Jahre mit „lediglich“ 50 Patienten und ohne veröffentlichte Rohdaten oder wenigstens einen Volltext wird in der „Science Community“ kaum zur Kenntnis genommen.


Da bin ich mir gar nicht so sicher. Die "Scientific Community" selbst wahrscheinlich eher nicht so, das stimmt. Aber die, auf die es hier ankommt, nämlich die Ärzteschaft, schon.
Traditionell orientieren sich Ärzte eher an klinischen als an statistischen Urteilsbildungen, obwohl diese der klinischen fast immer überlegen, manchmal "nur" gleichwertig und in den seltensten Fällen der klinischen unterlegen ist* und das auch seit 60 Jahren bekannt ist.
Von daher hat eine solche Veröffentlichung mit der Kernaussage, fast alle beteiligten Patienten hätten auf die eine oder andere Art von der Behandlung profitiert in der Ärzteschaft vermutlich sogar einen höheren Impact als die nächste Veröffentlichung von dutzenden statistischer Kennzahlen.

*z.B. Grove et al., (2000)

Viele Grüße
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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon Papfl » 7. August 2016, 09:57

Moin zusammen!

Danke @DonQuixote fürs "Ausgraben" der Dissertation. Ich stimme mit @APunkt überein: Ärzte orientieren sich meiner Erfahrung nach schon auch an Beobachtungsstudien. Leider ist diese Dissertation halt wieder auf "französisch" und dazu im Volltext nahezu unauffindbar, bzw. meiner bisherigen Recherche nach nur über einschlägige Bibliotheken auf "physischem" Wege zu beziehen. Schade [unknown] ...

DonQuixote hat geschrieben:Zwischenbemerkung DonQ: Ich weiß nicht, was ein `Fragebogen „hétero-administré“` ist. Vielleicht kann da ja jemand helfen.

Hundertprozentig sicher bin ich mir auch nicht, aber ich meine das mal im Zusammenhang gehört zu haben. "Hétero-evaluation" hat glaube ich was mit "interdisziplinär" zu tun - also dass Forscher aus verschiedenen Fachrichtungen an der Untersuchung/Design beteiligt waren. Von einem Fragebogen "hétero-administré" spricht man glaube ich, wenn die Kommunikation [auch] face-to-face bzw. über einen direkten Kontakt via Telefon/Skype stattfindet (so dass gegenseitige Wechselwirkungen möglich sind). Im Gegensatz zum rein "ausgefüllten" Fragebogen hat das den Vorteil, dass Gestik, Mimik, Zögern, Stimmungen, Pausen etc. des Interviewten bei der Beantwortung berücksichtigt werden können. Was allerdings die objektive Auswertung wieder erschwert...

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Re: Aktuelle Baclofen-Studien und -Veröffentlichungen

Beitragvon Papfl » 31. Januar 2017, 21:21

Hallo zusammen!

Eine randomisierte, offene Studie mit 122 Teilnehmern, deren Resultate als Printversion demnächst im American Journal of Drug and Alcohol Abuse zu lesen sein werden, kommt bei einer relativ niedrigen Baclofendosis von "nur" 30 mg/Tag zu signifikant besseren Ergebnissen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die Benfothiamin ("Vitamin B1") bekam. Die Veröffentlichung ist jetzt nichts Spektakuläres. Ich wollte nur der Vollständigkeit halber darauf hinweisen und die Gelegenheit nutzen, um den vielen Newcomern der letzten Zeit auch nochmal unser Baclofen-Wiki ans Herz zu legen, in dem wir so ziemlich alles Wissenschaftliche zusammengetragen haben, was es zu Baclofen als Therapieoption bei Alkoholabhängigkeit gibt [smile] .

Abstract hat geschrieben:Background: Alcohol dependence is a progressive chronic disorder characterized by narrowing of the drinking repertoire, salience of drinking, tolerance and withdrawal phenomenon, compulsion to drink, and frequent relapses. Baclofen has been shown to promote abstinence, to reduce craving, and to reduce anxiety in alcohol-dependent individuals, and it promises to be a useful agent, although clinical data are limited at present.
Objective: The current study aimed to test the utility of baclofen, a GABA agonist, in improving the relapse rates in alcohol-dependent subjects.
Methods: A total of 122 alcohol-dependent subjects were randomized into two groups. Groups were administered baclofen (30mg/day) or benfothiamine (a nutritional supplement) using an open label design. Both groups received brief motivational intervention. Subjects were assessed at 0, 2, 4, 8, and 12 weeks for the primary outcome measures: time to first relapse, heavy drinking days, cumulative abstinence duration, and craving (measured by the Obsessive Compulsive Drinking Scale (OCDS)).
Results: Seventy-two participants received baclofen, and 50 received benfothiamine. Participants receiving baclofen remained abstinent for significantly more days than the benfothiamine group (p < 0.05). The percentage of heavy drinking days was significantly lower in the baclofen group (p = 0.001). Craving and anxiety scores (Hamilton Anxiety Rating Scale) were also significantly decreased in the baclofen group relative to the control group (p = 0.001). Time to first relapse was similar in both groups.
Conclusion: In this open-label trial, alcohol-dependent participants receiving baclofen showed significant improvements in drinking outcomes compared with participants receiving benfothiamine. This study provides further evidence that baclofen is useful for the treatment of alcohol dependence.

aus: Gupta, M. et al. (2016 [online; Epub ahead of print]). Randomized open-label trial of baclofen for relapse prevention in alcohol dependence.

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„Der Hori­zont vie­ler Men­schen ist wie ein Kreis mit Radius Null. Und das nen­nen sie dann ihren Stand­punkt."
Albert Ein­stein (1879 - 1955)


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